Rostock 08.12.–14.12.2014

Für mich fing der Deutsch-Israelische Jugendaustausch fast so früh am Montagmorgen wie für die israelischen Jugendlichen an, die noch in finsterster Nacht ihre Reise antraten – denn ich sollte sie von Berlin abholen. Gespannt und ein wenig aufgeregt erwartete ich die 16 Personen am Flughafen Schönefeld, erwartete ich die kommende Woche. Ich fragte mich, ob sich die Jugendlichen verstehen würden. Ob das Programm genug durchorganisiert sei. Ob jeder neue, interessante Erfahrungen mit nach Hause nehmen könne. All das sollte ich bald herausfinden.

Nach ihrer Anreise und meinem doch ziemlich erstaunten Eindruck davon, dass ihnen das frühe Aufstehen und der eigentlich anstrengende Flug kein bisschen Wachheit genommen haben, fuhren wir zunächst in die Stadtmitte Berlins, um in Ruhe anzukommen und etwas zu essen. Danach brachte uns unser Bus nach Rostock, in die Ecolea-Schule in Warnemünde, wo die israelischen Jugendlichen herzlich von ihren Austauschpartnern empfangen wurden. Geplant waren nun kleine Spiele, um sich kennenzulernen und das Eis zu brechen – schnell sah ich aber, dass diese überflüssig gewesen wären, da die Jugendlichen bereits seit einigen Wochen durch das Internet in Kontakt standen. So stellte sich jeder nur kurz vor, bevor alle den Heimweg antraten – mittlerweile war es spät geworden.

Dienstag, 10:30 Uhr, in der Hochschule für Musik und Theater – Hannelore Rabe, die Autorin des Buches „Die Hofers / Theresienstadt – Kabarett – Rostock“, ihr Mann Dr. Ulrich Rabe, der letzte jüdische Überlebende der NS-Zeit in Mecklenburg-Vorpommern, und ich als Übersetzerin begannen mit einer Buchvorstellung. An diese schloss sich eine rege Diskussion an – viele Fragen wurden gestellt, viele Antworten bewegten zum Nachdenken. Danach aßen wir gemeinsam in der Kantine, bevor als nächster Programmpunkt der erste Theaterworkshop auf dem Plan stand, angeleitet von zwei Theaterpädagogikstudenten. Größtenteils behandelte dieser das gegenseitige Kennenlernen und die Förderung des Gemeinschaftsgefühls.

Mit relativ individuellen Schwerpunkten wurde die mittwochmorgendliche Stadtführung durch Rostock versehen, denn nach einem kurzen gemeinsamen Treffen zu Beginn, konnte jeder deutsche Jugendliche seinen israelischen Austauschpartner nach eigenem Ermessen herumführen. Um 12:00 Uhr versammelten wir uns alle vor der Jüdischen Gemeinde Rostock. Dort erwartete uns ein kleiner Vortrag über die Gemeinde an sich und über das jüdische Leben in Rostock – auch hier wurden die Jugendlichen dazu eingeladen, Fragen zu stellen und sich mit dem Thema zusammen auseinanderzusetzen. Wir aßen zu Mittag und fuhren nach Warnemünde in die Ecolea-Schule, um am zweiten Theaterworkshop teilzunehmen, der nun etwas spezifischer auf besondere Thematiken einging. So neigte sich der dritte Tag des Jugendaustausches dem Ende zu.

Der Tagesausflug am 11.12.2014 in die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück stimmte die Jugendlichen nachdenklich. Viele nicht nur nachdenklich, sondern traurig. So traurig, dass Tränen flossen. Nach einer Führung, hielten die Israelis eine Zeremonie zum Gedenken an die Opfer der NS-Zeit ab. Voller Eindrücke und Emotionen fuhren wir am späten Nachmittag zurück nach Rostock.

Zu einem dritten Theaterworkshop mit anschließender Präsentation unserer Ergebnisse trafen wir uns am Freitag in der Ecolea-Schule. Die israelischen Lehrer waren sehr zufrieden mit dem Resultat, da sie deutlich sehen konnten, wie gut die Jugendlichen zusammengearbeitet hatten. Danach wurde ein kleines Abendessen anlässlich des Kabalat Shabbats vorbereitet.

Leider sollte der letzte gemeinsame Tag nicht ganz so reibungslos verlaufen wie die bisherige Zeit: Bereits am frühen Morgen wurden wir am Samstag mit einem nicht gerade unbeträchtlichen Haufen aus Problemen konfrontiert, denn dank der relativ unzuverlässigen Unzuverlässigkeit einiger Jugendlicher haben wir unzuverlässig unseren Fernbus verpasst. Tja. Manchmal kann man eben noch so viel organisieren und planen – am Ende muss man trotzdem umdenken. Nach einem kurzen langen Moment des Realisierens und Umdenkens, befanden wir uns letztendlich in Berlin. Wir suchten das Hotel der Israelis auf, in dem sie die Nacht vor der Abreise verbringen wollten, luden ihre Koffer ab, und gingen jener wichtigen Tätigkeit nach, die jeder Tourist in Berlin unbedingt und, wenn nötig, auch über Leichen gehend gemacht haben muss: Shoppen. Einige Stunden und leere Geldbeutel später, stand als letzter gemeinsamer Programmpunkt eine Führung durch das Jüdische Museum auf dem Plan, die sehr interaktiv gestaltet wurde und dadurch angenehm zwanglos unser Interesse weckte.

Es nahte der Abschied… Als aufgeschlossene, fröhliche Gruppe lernte ich sie kennen. Als eine Gruppe mit unglaublich viel Gemeinschaftsgefühl. Ich denke, die deutschen und die israelischen Jugendlichen haben sehr gut während dieser einen Woche ineinandergegriffen, haben vieles über einander gelernt, sind aneinander gewachsen. Es war faszinierend zu beobachten, wie schnell sich aus zwei Gruppen eine einzige gebildet hat, wie sie sich eigentlich sofort gebildet hat, ohne einen einzigen Außenseiter. Ohne Vorurteile. Ohne Benachteiligung. Angenehm.

Ich freue mich sehr auf die Rückbegegnung in Haifa!

Galina Kalenteva (19)

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